Neudigitalisierung Pugliese Februar 2017

 In Deutsch

Gedankensplitter zu den Neudigitalisierungen von Osvaldo Pugliese
– von Christian Xell (Don Xello)

Wir veröffentlichten im Dezember 2015 San Pugliese 1 mit allen bekannten Aufnahmen von 1943–1945 und im Januar 2016 San Pugliese 2 mit allen Aufnahmen von 1946–1947. Mit Februar 2017 veröffentlichen wir 40 von 45 Tunes neu digitalisiert. Auf den Prozess der Überarbeitungen möchte ich im Folgenden im Detail eingehen.

Als Referenztitel wähle ich Adiós Bardi, der Tango zu Ehren von Agustín Bardi, Schöpfer von Tangos wie C.T.V., Chuzas, El baqueano, El buey solo, Gallo ciego, Independiente Club, Lorenzo, Tierrita und vielen mehr.

Ich schnitt alle hier verwendeten Tunes genau am Anfang und verwendete dann den Ausschnitt von 00:23 bis 02:23, d.h. ihr könnt jeden Tune genau 2 Minuten lang anhören.

Was vor dem Veröffentlichen von Digitalisierungen passiert

Nach dem Reinigen der Schellacks findet die Bestimmung der richtigen absoluten Tonhöhe (pitch, Kammerton A je nach Periode zwischen 435 Hz und 442 Hz) statt. Nachdem der richtige Tonabnehmer und die richtige Nadelgröße bestimmt wurden, werden 2 Überspielungen gemacht. Eine Archiv-Kopie oder RAW-Kopie in Stereo ohne Anwendung einer Entzerrkurve und eine sog. „objektive Kopie“. „Ohne Entzerrkurve“ bedeutet, dass ohne Korrektur transferiert wird, was sehr hell klingen wird, weil die Bässe zu schwach sind und die Höhen zu stark. Warum überhaupt “korrigiert” werden muss, dazu weiter unten.

Hören wir uns so eine RAW/Archiv-Kopie einmal an.

RAW-Version von Adiós Bardi, 00:23–02:23

Als Nächstes hören wir in die objektive Kopie vom Dezember 2015 hinein. Hier wurde eine Entzerrkurve angewendet. Die Bestimmung der Entzerrkurve ist der kritische Vorgang bei einer Schellack-Digitalisierung. Hier zeigen sich Ohr, Handwerk und Erfahrung des Toningenieurs.

Adiós Bardi mit angewendeter Entzerrkurve, Dezember 2015, 00:23–02:23

In der Bestimmung der Entzerrkurve zeigen sich Ohr, Handwerk und Erfahrung des Toningenieurs.

—Christian Xell

Für Schellacks gab es damals keine Standards für Entzerrkurven. Durch die Wahl einer falschen Kurve wird es später nahezu unmöglich, eine Digitalisierung noch zu retten. Es können einzelne Bereiche noch in Feinabstimmung entzerrt werden, aber die allgemeine Qualität, die Wahrnehmung beim Zuhörer, die Harmonie wird durch die Wahl einer guten Entzerrkurve erzeugt.

In wenigen Sätzen erklärt, geht es bei der Verzerrung um die richtige Anhebung und Dämpfung der verschiedenen Frequenzbereiche, die beim Schneiden der Rille in den Master notwendig wurden. Bei den Bässen kann die Amplitude derart groß werden (invers proportional zur Frequenz), dass der Master nicht mehr sinnvoll geschnitten werden kann; bei den Höhen kann der Radius derart klein werden, dass die Nadel nicht mehr folgen kann und rausspränge. Das bedingt, dass die Bässe gedämpft werden müssen und die Höhen verstärkt, die sogenannte Emphase (engl. emphasis) oder Akzentuierung. Beim Transfer muss nun die Entzerrung (= reverse emphasis oder de-emphasis) gefunden werden (wie bereits erwähnt, nicht standardisiert bei Schellacks!), also ab wann müssen die Bässe wieder angehoben werden und ab wann werden die Höhen wieder gesenkt, die sog. Übergangsfrequenzen (turnover frequencies). (Vertiefende Informationen finden sich unter „constant velocity vs constant amplitude der iasa.)

Erst in den 50er Jahren wurden eine Standard-Kurve definiert, die bei Schallplatten zum Einsatz kam. Diese Kurve wurde RIAA genannt und steht für Recording Industry Association of America.

Wie Schellackdigitalisierungen mit RIAA klingen

Einige Sammler überspielen ihre Schellacks mit einem normalen Verstärker über den Phono-Ausgang. Dort wird werksseitig die RIAA-Kurve angewendet. Da es bei Schellacks keine Standards gibt, ist es ohne weiteres vorstellbar, dass manchmal auch mit der RIAA-Kurve hörbare Ergebnisse erzielt werden können.

Hören wir 2 Beispiele von Di Sarli, den wunderbaren Walzer Rosas de otoño und die Milonga Julian Centeya, A und B Seite einer Schellack im September 1942 aufgenommen.

Di Sarli hatte einen besonders guten Tag am Klavier. Die RIAA-Kurve stimmt nicht ganz, da die Höhen zu start beschnitten wurden, aber das Klavier klingt beeindruckend.

Rosas de otoño – Private Überspielung eines Sammlers über einen normalen Verstärker (Phono-Knopf, d.h. RIAA-Kurve angewendet)

Julian Centeya – RIAA

Bevor TangoTunes einen Tune veröffentlicht, spielen wir ihn bei unterschiedlichen Anlässen, meist Milongas mit unterschiedlichen PA-Systemen (engl. Public Address = Sound System). Ich spielte die Puglieses im Dezember 2015 in der Maldita Milonga, wo ich regelmäßig auflege. Das PA-System in der Maldita ist sehr basslastig und das ließ die Puglieses sehr gut klingen. Die veröffentlichten Puglieses stimmten jedoch großteils nicht, da der allgemeine Eindruck zu scharf war, die Mitten zu schwach waren, kurz, es wurde nicht die optimale Entzerrkurve bei der Überspielung angewendet.

Bässe – Mitten – Höhen

Die Einstellungen werden in µs vorgenommen, das eine Zeitkonstante darstellt und auch in Hz ausgedrückt werden kann.

  • Typische Werte für die Bässe sind 3183µs, 2274µs and 1591µs  –
    Die entsprechenden Hz Werte sind 50 Hz, 70 Hz and 100 Hz.
  • Typische Werte für die Mitten sind 159µs, …, 636µs  – die entsprechenden Hz Werte sind 1.000 Hz, …, 250 Hz.
  • Typische Werte für die Höhen sind 25µs, …, 100µs  – die entsprechenden Hz Werte sind 6.366 Hz, …, 1.591 Hz.

Was heißt das nun – diese µs und Hz Werte?

Adiós Bardi mit der entzerrten Überspielung vom Dezember 2015 – höre oben – hatte die Einstellungen 3183 | 450 | 40 µs oder in Hz  50 | 354 | 3.978.

Diese 3 Frequenzen werden Übergangsfrequenzen genannt, d.h. irgendetwas passiert dort.

Ein niedriger Frequenzübergang bei 50 Hz bedeutet, dass bis zu dieser Frequenz keine Anhebung (boost) stattfindet und die Geschwindigkeit der Nadel in der Rille konstant ist.

Für unseren Tune Adiós Bardi ist diese Einstellung in Ordnung, würden wir niedrigere µs Werte wählen, hieße das, dass die Anhebung erst in einem höheren Frequenzbereich stattfinden würde, sprich, man erhält noch weniger Bass.

Die Mitten sind hier entscheidender. Die erste Überspielung hatte einen Wert von 354 Hz, d.h. die Anhebung fand bis zu diesem Wert statt. Eine Anhebung von 50 Hz bis 354 Hz also mit den Einstellungen 3183 and 450 µs.

Der Höhen-Wert von 3.978 Hz bedeutet, dass ab dort eine sog. Absenkung von 6 db pro Oktave stattfindet. Je mehr ich absenke, desto weniger scharf, aber auch desto dumpfer kann es klingen. Wenn ich also erreichen will, dass bereits ab einem niedrigeren Hz-Bereich abgesenkt wird, muss ich höhere µs Werte am Verstärker einstellen. Tatsächlich wurde oft die Maximaleinstellung von 100 µs bei den Pugliese-Überspielungen gewählt, was bereits eine Absenkung bei 1.591 Hz bedeutet.

Kompliziert? Das erste Mal ist es etwas mühsam, wenn man noch nie von solchen Sachen gehört hat. Ab den 50er Jahren wurde es einfacher, da wurde mit der RIAA-Kurve standardisiert. Die RIAA-Kurve kann zwar nicht alle Probleme lösen (Geschwindigkeit, Nadelgröße, Tonabnehmer), aber doch den ganzen Prozess deutlich vereinfachen. Die RIAA Were in µs sind übrigens 3183 | 318 | 75 und in Hz 50 | 500 | 2.122.

Die Werte für die Neuüberspielung von Adiós Bardi sind 3183 | 318 | 40, also fast RIAA, nur die Absenkung beginnt später bei unserer Einstellung.

Verglichen mit der ersten Überspielung sind jetzt deutlich präsentere Mitten zu hören, was mit der Anhebung bis 500 Hz erklärt werden kann, verglichen mit der damaligen Anhebung, die nur bis 354 Hz andauerte.

So klingt das:

Adiós Bardi, Entzerrkurve mit den Werten µs 3183/318/40 und in Hz 50/500/2122

Hier nun der bereits auf der Website von TangoTunes veröffentlichte Tune vom Februar 2017 und als Vergleich auch die CTA-Version von Akihito Baba, der eventuell sogar eine Kurve wählte, die RIAA sehr nahe kommt, weswegen es auch dumpfer klingt (Absenkung beginnt bei einem früheren Hz Wert als bei unseren Einstellungen).

Trotz allem haben wir die optimale Version dieser Pugliese-Digitalisierungen noch immer nicht gefunden und werden weiter an anderen Rädchen als der Entzerrkurve drehen müssen. Zumindest aber wurden einige Schwächen der Erstveröffentlichung berichtigt.

TangoTunes ist ein Projekt, das es hoffentlich in vielen Jahren immer noch geben wird, und dank einer wachsenden und unterstützenden Community, die sich viel Zeit für Feedback nimmt, werden uns noch weitere Neuüberspielungen ins Haus stehen.

Es gab lange, fruchtbare Diskussionen mit Christian Tobler anlässlich dieser Neudigitalisierungen. Er ist immer noch der Meinung, dass die CTA in Bereichen ausgewogener klingen, wenngleich dumpfer und weniger detailliert. Ich teile diese Einschätzung nicht, aber ich akzeptiere sie. Solange versierte und kritische Menschen sich die Zeit nehmen, mit uns in Diskussion zu treten, solange sind wir auf einem richtigen Weg. Und dafür bin ich sehr dankbar.

TangoTunes Version, neu veröffentlicht Februar 2017

CTA Version

Was können wir weiter verbessern?

Vielleicht ist der Mono Ansatz nicht der heilige Weg und wir sollten zumindest versuchen mehr unser natürliches Hören zu simulieren, und das ist dank unserer beiden Ohren nunmal Stereo.

Vielleicht bringen Experimente mit Hall etwas, aber nicht um schwache transfers aufzupeppen oder dem Zeitgeist zu entsprechen, sondern um eine natürlichere Hörsituation zu schaffen. Bei jedem Live Konzert gibt es Hall, da die Wellen ja irgendwo auftreffen und reflektiert werden. Und es sind marginale Einstellungen, aber das Ziel muss die Simulation des natürlichen Hörens bei einer Studioaufnahme sein

Adiós Bardi, Stereo mit Anwendung eines speziellen Filters (nicht veröffentlicht).

Osvaldo Pugliese at his piano
Osvaldo Pugliese at his piano
Roberto Chanel
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Showing 10 comments
  • Mark John
    Reply

    thanx for this interesting details

    • TangoTunes / sm
      Reply

      Thanks, Mark! 🙂

  • Tiziano
    Reply

    Vielen Dank für den guten Artikel!

    Kann man denn die verbesserten Dateien bereits runterladen ? Die alten hab ich dazumal gekauft..

    • TangoTunes / sm
      Reply

      Dankeschön, Tiziano! Ja, ein E-Mail zu den Neudigitalisierungen ging heute morgen raus! Solltest schon etwas in deiner Inbox finden. /Sabine

  • Agne
    Reply

    Kommentar zu die lezten 11 Sekunden in die verschiedene Versionen:
    CTA Version: Meist die Anstreich höre ich an die Violine.
    Tango Tunes Version: Mehr von Klangkörper der Violine ist zu hören.
    Dritte version: Balanciert. Die ganze Violinenklang ist anzuhören.
    Vielleich lohnt es sich nach die Vioinenklang zu richten, veil es als Instrument oft das “Herz in die Musik” entspricht. Der Bandoneon dringt immer durch mmit sein grosses register. Wir haben meistens mehr Erfarung von die Violinenklänge und sie werden leichter urteilbare. Die Violinengruppe sind Instrumente die wir oft gehört und Erfahrungen gesammelt haben.

    • Don Xello
      Reply

      Das stimmt Agne, als Einzelinstrument ist auch für uns neben einer Stimme (sofern vorhanden) die Violine dasjenige, nachdem beurteilt wird, ob ein transfer gelungen ist. /Don Xello

  • rupi
    Reply

    Welches Datum habt ihr für den Kammertonwechsel von 435 Hz auf 442 Hz angenommen?
    Danke

    • TangoTunes / cx
      Reply

      Es ist eher 440 Hz als 442 Hz. 1939 gab es in London eine Konferenz zu dem Thema und dort einigte man sich auf 440 Hz. Das ganze Thema pitch ist wichtig, aber sollte nicht zu streng gesehen werden. Es gibt wenige Instrumente, die über ihren gazen Tonumfang verlässlich sind, was Schwingungsanzahl in Verhältnis zum Kammerton A betrifft. Streichinstrumente “pitchen” höher in den höheren Tonregionen, einzig das Klavier und für eine Orchesterinstrumentierung die Oboe sind verlässlich. Das hängt aber auch von der Umgebungstemperatur ab. Höhere Temperaturen bringen den pitch nach oben.
      Wenn wir bei TT den pitch des transfers beurteilen, prüfen wir zunächst einmal ob wir zu schnell oder zu langsam sind, meist ist der transfer zu schnell. Wenn es uns “komisch” vorkommt, ermitteln wir auch die Tonart und fragen dann Musiker, ob das realistisch ist. Wir haben schon oft die Antwort bekommen, nein ist es nicht, weil bei der und der Tonart müssten die Geigen dann ziemlich kompliziert greifen und das wäre unüblich.
      Manchmal wissen wir auch nicht, ob wir nicht einen ganzen Halbton rauf oder runter müssen, das sind immerhin ca 26 Hz Unterschied! “Dort” stimmt ja dann der pitch auch wieder, halt alles einen Halbton höher oder tiefer.
      Don Xello//TangoTunes

  • Thoma
    Reply

    Christian, bitte kein stereo Effekt!
    Denk daran, das die Leute die deine tunes kaufen auf PA Anlagen sie auch spielen werden. Ein mono Signal in eine PA Situation ist immer besser ist als ein Stereo Signal (denk daran, dass die Tänzer sich bewegen und deswegen nie im “sweet spot” stehen bleiben können)!
    Nicht zu unterschätzen: will man in die Transfers die Schwäche von schlechte PA Anlagen vorbeugend kompensieren oder geht man davon aus, dass hervorragende Transfers auf eine gute Anlage zur Geltung kommen sollen (beide Philosophien widersprechen sich).
    Ich spiele in meine Milonga Musik auf eine sehr gute Anlage (Altec 19, Quads II, Burson DAC) und merke jede Versuch die Schellacks “modern” klingen zu lassen im negativen. Im Zweifelsfall, bitte: detaillierter, KLARE, DEFINIERTE Bässe, und vielleicht noch ein bisschen “Raumklang” (Hall). Auf jeden Fall Mono!
    Danke für die hervorragende Transfers, die diese Musik so schön zur Geltung kommen lassen!
    P.S.: man kann CTA und TTunes am besten auf eine SEHR GUTE PA Anlage wirklich vergleichen…aus der Kophörerbuchse vom computer eher nicht…

    • TangoTunes / cx
      Reply

      Keine Sorge, TT wird auf jeden Fall immer Flacs anbieten mit minimalen Eingriffen und natürlich Mono! Don Xello//TangoTunes

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